Geschehnisse in Hohenburg

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Geschehnisse in Hohenburg

Beitrag von Lana Callis am Sa Aug 20, 2016 10:53 pm

Geschehnisse in Hohenburg,

unter Herausstellung der besonderen Gefahren,
aber auch der ungewöhnlichen Möglichkeiten
in diesem eigentümlichen Land,

von Lana Callis.

Übersicht (Links):


Kapitel  1 - Vorrede (Zweck der Schrift; deren Grenzen; mein Werdegang.)
Kapitel  2 - Ankunft (Eine unbekannte Küste; abnormes Unwetter; absonderliches Verhalten der Tiere.)
Kapitel  3 - Erste Begegnungen in der Stadt (Markt; Gesetze; Obrigkeit.)
Kapitel  4 - Eine unheimliche Macht (Ein seltsamer Dieb; die Kristallhöhle; der flammende Unhold.)
Kapitel  5 - Besucher und Neuankömmlinge (Leute aus Carima; ein Fremder mit deister Zunge; der Medicus; angebliche Elben.)
Kapitel  6 - Experimente (Erforschung des Kristalls; eingentümliche Begegnung; körperliche Veränderungen.)
Kapitel  7 - Zeichen (Litha-Fest; der neue Wirt; Unwetter; gefährliche Untätigkeit; unheilige Zeichen bei der Kirche.)
Kapitel  8 - Der einschüchternde, eingeschüchterte Fürst (Erste Audienz; Fürst Dias.)
Kapitel  9 - Stürme (Die Sturmflut; Zornausbruch der Herzogin; Bergung des Kristalls.)
Kapitel 10 - Misstrauen (Folgen der Flut; Einflüsse aus Calimshan und Tancorien; Eröffnung der Schlosstaverne.)


Zuletzt von Lana Callis am Sa März 18, 2017 8:08 pm bearbeitet; insgesamt 15-mal bearbeitet

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Geschehnisse in Hohenburg

Beitrag von Lana Callis am Sa März 18, 2017 7:45 pm

Kapitel 1 - Vorrede

Auf meinen Reisen habe ich viel gesehen und gelernt, doch was mich in Hohenburg erwarten sollte, war in mancherlei Hinsicht derart neuartig, eindrücklich, aber auch bedrohlich, dass ich beschloss, diese spezielle Chronik zu verfassen. Denn sollte mir etwas zustoßen - wofür es in Hohenburg mögliche Ursachen zu geben scheint, die den üblichen noch einige hinzufügen - so wird vielleicht ein Auffinden dieser Schrift Anderen helfen, das Land zu verstehen und den Gefahren zu begegnen, ohne mühsame Wege der Erkenntnis von Neuem beschreiten zu müssen.

Wer dies liest, möge bedenken, dass nicht allen Hohenburgern, insbesondere Neuankömmlingen, alles davon bekannt sein kann. Da ich es aus meiner eigenen Sicht schildere, inklusive bloßer Gedanken, kann einiges davon sogar niemandem sonst bekannt sein. Natürlich ist es auch gut möglich, dass Andere die gleichen Geschehnisse anders erinnern oder beurteilen. Schließlich können auch wichtige Ereignisse fehlen, soweit ich weder zugegen war noch mich sonst davon eine Kunde ereilte.

Da ich mich erst nach einigen Wochen des Aufenthalts in Hohenburg zur Abfassung dieser Chronik entschloss, schrieb ich die ersten Kapitel in einigem Abstand rückblickend aus dem Gedächtnis, so dass sie auch Vorwegnahmen und Ausblicke enthalten; in späteren Kapiteln sollte die Niederschrift in größerer zeitlicher Nähe zum geschilderten Geschehen erfolgen.

Die weitere Vorrede ist in gebotener Kürze ein Bericht über meinen Werdegang bis zu meiner Ankunft in Hohenburg.



Nach einem sesshaften Leben mit reichlicher Anschauung der üblichen Plagen unseres Zeitalters, wie Pestilenz, brandschatzenden Banditen, selbstsüchtigen Obrigkeiten, gängelnden Dogmen und törichtem bis blutigem Zwist unter den Leuten, fasste ich in der Mitte meines dritten Lebensjahrzehnts den Entschluss, mich auf Reisen zu begeben, um zum Einen nicht änderbaren Plagen den Rücken zu kehren, und zum Anderen meine angeborenen Neigungen zur Erlangung von Wissen, zu einem unabhängigen Leben und zum Aufenthalt in der Natur wirksamer zu entfalten.

Zum Glück konnte ich meine Eltern überreden, mich zu begleiten, bis ein plagenfreierer Ort für ein angenehmeres Leben gefunden ward. Sodann setzte ich meinen Weg allein fort.

Nach einigen Jahren der Wanderschaft und zu Pferde erlaubte mir eine Begegnung und sich entwickelnde Freundschaft mit einem ehemaligen Kapitän der Hanse, die Fertigkeit des Seefahrens zu erlernen, worauf mir der Besagte sogar einen kleinen Einmaster überließ, mit dem allein die See zu befahren sein Alter nicht mehr erlaubte. So schlossen sich weitere Jahre des Reisens auf dem Seeweg an, wobei ich vor allem die nördlichen Länder erkundete. Das schnellere Reisen zur See ermöglichte mir auch wieder häufigere Besuche bei meinen Eltern, was mein schlechtes Gewissen ob meines Aufbruchs milderte.

Das Folgende stelle ich noch heraus, weil ich anders wohl nicht nach Hohenburg gelangt wäre: Nachdem das viel genutzte Leinensegel schon recht zerschlissen war, fand ich in einem Hafenmarkt des Nordens einen Ballen seltsamen, dunklen, leicht glänzenden und leicht durchsichtigen Tuches, das nach Bekunden des Händlers aus dem fernen Osten stamme. Ich fertigte daraus ein neues Segel und ließ es mit dem Motiv eines Drachens verzieren, wie er mir in den vergangenen Jahren immer wieder in den Träumen erschienen ist. Der Stoff ist leichter und doch fester als Leinen, so konnte das neue Segel größer ausfallen und muss nur noch bei sehr schwerem Wetter eingeholt werden - was den kleinen Einmaster nicht komfortabler machte für weite Strecken über den Ozean, aber zu einem vortrefflich schnellen und sturmfesten Segler in Binnengewässern, in Küstennähe und zu vorgelagerten Inseln.


Zuletzt von Lana Callis am Sa Mai 27, 2017 7:25 pm bearbeitet; insgesamt 2-mal bearbeitet

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Beitrag von Lana Callis am Sa März 18, 2017 7:47 pm

Kapitel 2 - Ankunft

Zur Zeit des Sommeranfangs geriet ich, mich von einer deutschen Insel weiter nach Norden vorwagend, ohne wetterliche Ankündigung plötzlich in schwere See. Da ich meine Gründe hatte, auf besagte Insel, deren Namen ich bewusst nicht nenne, keinen Fuß mehr zu setzen, hielt ich auf meine seefahrerische Erfahrung und die Festigkeit des Drachensegels vertrauend dennoch Kurs. Als am Horizont zu meiner Verwunderung bald eine mächtige Küste auftauchte, wo ich gemäß meinen Karten nur noch kleinere Inseln erwartete, verschlimmerte sich das Unwetter noch einmal ohne Übergang. - Eine pechschwarze Wolke verdüsterte die Sonne, und der Sturm brauste von der Küste kommend derart auf, dass ich nur mit größter Mühe gegen den Wind kreuzend das nur noch von gelegentlichen Blitzen erleuchtete Ufer erreichte.



Als die Leinen endlich festgemacht waren, ebbte das Unwetter so plötzlich ab, wie es aufgezogen war. Meinen unwillkürlichen Eindruck, dass die Naturgewalten nur entfesselt worden waren, um mich von diesem Land fernzuhalten, so dass es nach meiner dennoch erfolgten Anlandung keinem Zweck mehr diente und deshalb jäh wieder abflaute, schob ich zu diesem Zeitpunkt noch auf eine überreizte Fantasie aufgrund der gerade überstandenen nervenzerreißenden Anstrengung und Todesgefahr.

Erschöpft bereitete ich noch ein Lagerfeuer, um mich zu wärmen und zu trocknen, und fiel bald darauf in einen Schlaf, der aber nicht tief war sondern geplagt von wirren Träumen voller unheimlicher Kreaturen.



Am nächsten Tag durchstreifte ich ein Waldgebiet, welches sich an die schroffe Küste anschloss, und wurde eines seltsamen Widerspruchs gewahr zwischen einerseits einer äußerst reichen Vegetation, aber andererseits kaum anzutreffendem, daher entweder rarem oder ungewöhnlich scheuem Getier. An einigen Stellen schienen sogar die Vogelstimmen seltener und leiser zu werden. Einige Male allerdings traf ich auf Tiere, die im Gegenteil keinerlei Scheu zu kennen schienen - aber nicht aus Zutraulichkeit oder Angriffslust, sondern aus einer Art verwirrter Erstarrung; macht man ein lautes Geräusch, so besinnen sie sich und entfleuchen.



In den folgenden Tagen verlegte ich mich wieder auf die Seefahrt entlang der neuen Küste, bisweilen ins Meer mündende Flussläufe hinauf, wobei ich eine Stadt, einen Hafen, zwei Burgen und ein trutziges Schloss ausmachte.



Bis heute ist es mir nicht gelungen, das Land ganz auf dem Seeweg zu umrunden; es ist mir daher noch immer nicht klar, ob Hohenburg nur eine ungewöhnlich große Insel ist, oder ein Land, dessen Größe diese Bezeichnung nicht mehr zulässt, mit eigener ausgedehnter Küste, womöglich mit einer Verbindung zum Festland und mit umgebenden Inseln - was es freilich um so seltsamer erscheinen ließe, dass es auf keiner der Karten in meinem Besitz verzeichnet ist.

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Beitrag von Lana Callis am Sa März 18, 2017 7:48 pm

Kapitel 3 - Erste Begegnungen in der Stadt

Nach diesen ersten Erkundungen entschloss ich mich, der zunächst nur von Ferne erblickten Stadt die Aufwartung zu machen. Als ich gerade im Hafen festgemacht hatte, sah ich, wie sich noch ein anderes Schiff der Bucht näherte, und dahinter am Horizont weitere Segel eines mächtigen Dreimasters. Wie ich kurz darauf erfuhr, war Markttag in der Stadt, und dies genügte offenbar, Schiffe von fern anzulocken.

Wie zur Demonstration einer durchgreifenden Obrigkeit treffen Neuankömmlinge direkt hinter dem Hafen auf eine Richtstätte. Das Blut auf dem Pflaster zeugte von mehreren nicht lang zurückliegenden Enthauptungen, und ein Mann hing noch am Galgen. Ein finsterer Anblick, doch in Unkenntnis der den Delinquenten (hoffentlich) nachgewiesenen Taten enthalte ich mich darüber eines Urteils.



Die Waren an den Marktständen waren nicht ungewöhnlich, jedoch von auffallend erlesener Qualität - neben den großen Bauten ein weiterer Hinweis auf ein reiches Land, das wohl längere Zeit nicht von existenziellen Nöten heimgesucht wurde. An einem Stand bot sich mir gar folgende Szene:

Ein Vertreter der Stadtwache - wie sich herausstellen sollte deren Kommandant, mit dem Namen Walter - geriet gerade in heftige Aufregung über die Größe der Kartoffeln, welche eine junge Marktfrau feilbot. Offenbar waren zu kleine Kartoffeln verboten. Es wurde verlangt, besser auszusortieren und unversehrte, aber zu kleine Knollen wegzuwerfen. Die Marktfrau, namens Petty, sträubte sich wacker und lenkte erst ein nach Androhung eines saftigen Bußgeldes.

Ich geriet darüber in einige Verwunderung und fragte mich, ob ein Land, das sich in Unkenntnis nennenswerter Not solche Verschwendung leistet, hinreichend gegen harte Zeiten gewappnet ist. Dahingehend angesprochen, berief sich der Wachmann darauf, Vorschriften der Obrigkeit umzusetzen, die in weiser Voraussicht erlassen worden seien. Ich drang daher nicht weiter in ihn, denn es handelte sich offenbar um Loyalität und Gesetzestreue, die im Fall guter Gesetze eine Tugend ist und im Fall schlechter Gesetze meist noch ein kleineres Übel im Vergleich zur Willkür.

Diese Obrigkeit lernte ich bald darauf kennen, denn eine auffallend elegante Dame, die in einer Taverne den Marktbesuchern auf ihre eigenen Kosten Getränke einschenkte, entpuppte sich als die Herzogin des Landes Scarlett von Hohenburg - die wohl formal noch einem Königspaar untersteht, aber nach meiner bisherigen Beobachtung diejenige ist, die sich um die wichtigen Angelegenheiten im Lande kümmert. Der König widmet sich offenbar die meiste Zeit Feldzügen fern der Heimat, dabei die Streitkräfte des Landes bindend, die somit zum Schutz im Innern seit meiner Ankunft nicht zur Verfügung stehen.

Die Herzogin wirkte im Gespräch vorausschauend und umsichtig. So stellte sich heraus, dass die Vorschriften bezüglich der für den Marktverkauf erlaubten Früchte der Vermeidung von Krankheiten dienen sollen, da zu befürchten sei, dass zu kleine Früchte noch unreif und daher unbekömmlich sind, zu große dagegen schon nahe der Fäulnis. - Ein vielleicht übervorsichtiger, aber ja nicht ganz falscher Gedanke, der auch der Tatasche geschuldet war, dass, wie die Herzogin beim Erlass bedacht hatte, die Stadt schon seit einiger Zeit eines Medicus' entbehrte.

Wie ich in dem Gespräch noch erfuhr, sind ausgedehnte Waldgebiete Hohenburgs bisher unerforscht, und unter den Einheimischen bestehe eine regelrechte Furcht, sich zu tief in diese zu begeben; nur einige Fremde hätten sich bisher in die Tiefen des Waldes gewagt und seien nie zurückgekehrt.

Doch auch ein einheimischer Händler war jüngst zu einer Reise aufgebrochen und gilt als verschollen. Sein Sohn, ein Knabe des Namens Tommy von Ansberg, klagte darüber auf dem Marktplatz sein Leid.

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Beitrag von Lana Callis am Sa März 18, 2017 7:49 pm

Kapitel 4 - Eine unheimliche Macht

Gerüchte über Unwägbarkeiten in Wäldern sind weit verbreitet, ich ließ mich daher nicht davon abhalten, meiner Hinneigung zur unberührten Natur und meiner Neugier unbeirrt zum Rechte zu verhelfen und erkundete in den nächsten Tagen weiter die Umgebung. Dabei stieß ich am Abend auf einer Lichtung nahe eines Baches auf das Lager der Frau namens Petty, welche auf dem Markt mit der Wache aneinander geraten war. Sie hatte dort ihren Ernteüberschuss feilgeboten, versteht sich aber in erster Linie als Bardin, wovon sie mir eine wohlklingende Kostprobe als Sängerin wie auch auf der Laute zu Gehör bringen sollte. Sie gehört zum fahrenden Volk, weshalb sie hier in einem Wagen und nicht in der Stadt residierte.



Wie ich erfuhr, ward jüngst eines ihrer festgemachten Pferde samt Sattel direkt aus dem Lager gestohlen, während sie schlief. Dies war ihr unerklärlich, da das Tier schon lange in ihrem Besitz und Fremden gegenüber äußerst misstrauisch war, so dass sie unter normalen Umständen eines widerstrebenden Wieherns hätte gewahr werden müssen.

Als ich sie tags darauf erneut besuchte, war sie in einiger Aufregung. Ihr war zu Ohren gekommen, ein Unhold habe Scarlett von Hohenburg attackiert und einen Brand gelegt. Die Herzogin habe Verbrennungen davongetragen und sei seitdem im Geiste verwirrt, und bei ihr sei ein seltsames Pergament gefunden worden. Wir beschlossen, zunächst wie am Vorabend verabredet nach Spuren des entwendeten Pferdes zu suchen und uns dann in die Stadt zu begeben, um Näheres über den Vorfall und das Befinden der Herzogin zu erfahren.

Da nicht anzunehmen war, dass Diebesgesindel nach frischer Tat die Richtung der Stadt mit ihrer hart durchgreifenden Exekutive einschlagen würde, gingen wir in die entgegengesetzte Richtung und gelangten bald zu einer Höhle, die zu umgehen einen erheblichen Umweg bedeuten würde. Da ich aufgrund der schon gemachten Beobachtungen ein Augenmerk hatte auf das Verhalten der Tiere, fiel mir auf, dass die Vogelstimmen an diesem Ort völlig verstummten.



In der Höhle wurde es naturgemäß nach einiger Strecke recht dämmrig. So konnte uns nicht entgehen, dass es auf einmal vom Boden her heller wurde, wie von einem Feuerschein, allerdings von einigermaßen frappierender, nämlich blaugrüner Farbe - ähnlich dem Licht von Leuchtkäfern, jedoch stärker und ruhend und keine umherrflirrenden Punkte. Wir traten vorsichtig näher und sahen einen seltsam regelmäßigen Stein, also wohl eine Art Kristall oder Quarz, der das Licht verströmte. Petty geriet sogleich in Furcht und vermutete, es sei Magie am Werk. Ich konnte dem nicht recht widersprechen, da ich niemals auch nur annähernd ähnliches gesehen hatte.



Vielmehr stellte sich auch bei mir eine innere Unruhe ein, die mich an jene erinnerte, die auf einem meiner Streifzüge der Vortage einhergegangen war mit einem weiteren Beispiel seltsamen Tierverhaltens: Auf einmal Geraschel und Getrappel, schnell näher kommend, bis auf einmal allerlei Getier an mir vorbei stob, wie auf der Flucht vor etwas. Mich hatten die Tiere nicht beachtet. Ich war danach eine Weile in die Richtung gegangen, aus der sie gekommen waren, ohne jedoch etwas Ungewöhnliches zu bemerken - bis auf just dieses seltsame Gefühl wie auch jetzt in der Nähe des Kristalls, das so war wie bei einem aufziehenden Gewitter: als sei irgendetwas Kraftvolles im Gange.

Wir beratschlagten, was zu tun sei. Petty riet davon ab, den Kristall aufzuheben, und drängte, die Höhle zu verlassen. Mir widerstrebte es jedoch, den Kristall ganz ohne weitere Erforschung zurückzulassen, und so entschloss ich mich, ihn wenigstens kurz zu berühren. Zu meiner weiteren Überraschung war der Stein kalt wie Glas - also es war kein Glühen vor Hitze, das ihn leuchten ließ.

Die nächste Zeit sollte zeigen, ob nach der Berührung aus einer Änderung meines Befindens Weiteres zu schließen sein würde.

Meinen Leichtsinn mehr mit rührender Sorge statt vorwurfsvoll quittierend, drängte die Bardin nun aber auf eine weitere Suche nach dem verschwundenen Pferd, die wir denn auch fortsetzten. Nach einiger Zeit erfolglosen Suchens begann Petty, den Namen des Pferdes zu rufen. Und tatsächlich ertönte irgendwann aus der Ferne ein Wiehern, dem wir folgten und das Pferd fanden - bar des Sattels und rücksichtslos an einen Baum gebunden, statt das arme Tier einfach laufen zu lassen, wenn denn das Interesse nur dem Sattel galt. Der Dieb musste somit zweierlei sein: ungewöhnlich versiert im Besänftigen eines misstrauischen Tieres und von grausamer Gefühlskälte - was zusammen zu denken schwer gelingt.

Wir begaben uns sodann in die Stadt, wo wir den Kommandanten der Wache antrafen, ihm das Erlebte berichteten und anschließend baten, uns über die schreckliche Begegnung und das Befinden der Herzogin zu unterrichten. Tatsächlich war die Herzogin attackiert worden und ruhte noch immer angeschlagen im Heilerhaus. Meine Nachfrage bezüglich des von der Bardin erwähnten Pergaments, das bei der Herzogin gefunden worden sei, veranlasste den Wachmann zur Gegenfrage, ob ich mich denn mit, wie er es ausdrückte, "diesen Zuständen" auskenne. Das konnte ich nicht behaupten, sondern nur darauf verweisen, dass die Erkundung des Unbekannten einer der Antriebe war, der mich in die Ferne gezogen hatte, als ich zu meinen Reisen aufgebrochen war. Dies erschien ihm aussichtsreich genug, um mir mit Hoffnung auf weitere Aufklärung einen Blick auf das Pergament zu gestatten.

Im Heilerhaus ruhte die Herzogin schlafend. Auf einem Schreibtisch lag das Pergament.



Dessen Inhalt war teils befremdend, aber interessant. Angeblich verfasst von einem Medicus, der die Herzogin zufällig vorbeikommend verletzt und wirr redend im Wald vorgefunden habe, wird darin gemutmaßt, es sei ein Zauber oder Hypnose im Spiel gewesen, wogegen der Medicus ein Gegenmittel verabreicht habe. Alles, was die Herzogin berichten würde, sei vermutlich nicht geschehen. Unterschrieben war die Mitteilung nur mit "der Unbekannte".

Der Wachmann äußerte den Verdacht, dass Räuber oder Piraten für alles verantwortlich seien. Auf Nachfrage gab er an, die Brandwunden der Herzogin seien sorgfältig verbunden gewesen. Nun schienen mir Piraten zwar in der Lage, sich eine wilde Geschichte mit einer Hypnose ausdenken, um von einer Tat abzulenken; aber der fachmännische Verband schien mir bei Piraten nicht ins Bild zu passen, auch nicht die wohlgesetzten Worte auf dem Pergament.

Inzwischen war die Herzogin erwacht und machte einen noch angegriffenen, aber geistig klaren Eindruck. Auf meine Bitte schilderte sie das Geschehen aus ihrem Gedächtnis, wobei sie furchteinflößende Dinge berichtete: Auf einmal habe sie ein starkes Unwohlsein befallen. Sodann habe sich vor ihr eine lichterloh in Flammen stehende Gestalt aufgebaut. Diese habe sie angegriffen und sie töten wollen. Sich dagegen wehrend habe sie sich die Verbrennungen zugezogen. So weit reichte ihre Erinnerung.

Nach dieser Schilderung erklärte ich, man müsse in der Tat hoffen, dass der Unhold nur Einbildung war, vielleicht ausgelöst vom Einatmen des Rauches eines Feuers - kam aber nicht umhin, darauf hinzuweisen, dass selbst der skeptische Medicus meinte, es müsse noch eine andere Person im Spiel gewesen sein, die über außergewöhnliche Kräfte verfügt.

In den weiteren Beratungen kam auch das seltsame Tierverhalten zur Sprache, wozu der Bardin einfiel, dass die Wölfe im Gegensatz zu früher schon geraume Zeit keine Tiere mehr gerissen hätten, obwohl ihr Geheul oft zu vernehmen sei und sie sich sogar ungewöhnlich oft in der Nähe des Dorfes blicken ließen. Wie nähren sie sich, wenn sie keine Beute reißen?

Auf meinen Vorschlag kamen alle Anwesenden überein, sich von nun an gegenseitig von weiteren seltsamen Vorkommnissen zu berichten, da diese vielleicht ein Gesamtbild ergeben würden.

Die Wache drängte nunmehr, selbst den Kristall in Augenschein zu nehmen, so gingen wir zu zweit zu jener Höhle. Das Verstummen der Vögel und der widernatürliche Schein des Kristalls gab auch dem Wachmann zu denken. Schon in der Stadt anhand der bloßen Erzählung hatte er geäußert, dass hoffentlich noch niemand den Kristall berührt habe; nun verriet ich ihm, dass ich dies bereits früher am Tage getan hatte, und konstatierte, mich seitdem aber nicht schlechter zu fühlen - eher sogar ungewöhnlich erquickt, obwohl die Zeit der Nachtruhe nahte.

Wir überlegten, ob und wie die Ereignisse zusammenhängen könnten. Ich stimmte Walter zu, dass der Kristall in der Höhle vielleicht etwas mit dem Tierverhalten in der Nähe zu tun haben könnte, aber kaum die Ursache sein dürfte für das seltsame Erlebnis der Herzogin. Mir drängte sich die Hypothese auf, dass in verschiedenen Gegenden Hohenburgs dieselbe übernatürliche Macht erstarkt, die aber an unterschiedlichen Orten unterschiedliche Folgen zeitigt - hier seltsames Tierverhalten, da das Leuchten eines Kristalls, und wieder anderswo stand vielleicht ein Mensch - oder ein anderes Wesen - unter dem Einfluss der selben seltsamen Kräfte, die ihm ermöglichten, als lebendige Fackel in Erscheinung zu treten.

Andererseits fragte ich, ob wir vielleicht zu viel hineindichteten. Vielleicht hatte es nur ein gewöhnliches Feuer gegeben, eine durch dieses bedingte Verwirrung der Herzogin, einen schriftstellernden Medicus mit viel Fantasie, einen Wolf, vor dem die Tiere flüchteten, und dieses Objekt in der Höhle war vielleicht nur eine bisher unbekannte Sorte Gestein. - Walter plädierte dafür, es genau so dem Volk zu erzählen, wenn nach den Ereignissen gefragt würde, denn er wolle kein Ausbrechen von Panik.

Die Vorsicht ließ uns überein kommen, den Kristall in der Höhle mit Buschwerk zu verbergen.

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Geschehnisse in Hohenburg

Beitrag von Lana Callis am Sa März 18, 2017 7:51 pm

Kapitel 5 - Besucher und Neuankömmlinge

In den folgenden Tagen ließen sich die Geschehnisse kaum näher aufklären, so dass ich aus dieser Zeit in erster Linie über weitere Personen berichte, denen ich begegnet bin oder von denen ich hörte.

Am Markttag hatte ich ein kurzes Gespräch geführt mit einer Frau namens Blue, der Waldhüterin in einem Land namens Carima. In weiteren Beratungen äußerte die Herzogin die Absicht, just diese bezüglich des seltsamen Tierverhaltens zu konsultieren, was sie später auch tat. Auf Nachfrage ergab dies lediglich, dass die Waldhüterin sich die Tiere angesehen hatte, über das Gesehene dann aber nur mit einem Volksstamm oder einer Gruppe von Leuten reden wollte, die sich "Elben" nennen. Diese Bezeichnung ist mir vage bekannt für ein zaubermächtiges Volk aus alten Sagen, und mir ist noch nicht klar, ob die Waldhüterin nur einem entsprechenden Aberglauben frönt oder ob mehr dahinter steckt.

Auf jeden Fall sind die eingesessenen Hohenburger, denen ich bisher begegnete, keine Elben wie in den Sagen. Aber sie müssen die Folgen der unheimlichen Veränderungen in Hohenburg mindestens so ausbaden wie jene (falls es sie gibt) - einige Menschen, sogar die Herzogin, kamen offenbar deswegen schon zu Schaden. Sie haben daher nach meiner festen Überzeugung das Recht, alles über diese Erscheinungen zu erfahren, um sich gegen sie wappnen zu können und sie sich wenn irgend möglich auch nutzbar zu machen - gerade dann, wenn es in Hohenburg andere Wesen gibt als Menschen, die schon von Geburt an zaubermächtig sind. Denn nach meiner immer wieder gemachten Erfahrung kann ein Volk einen noch so eindeutigen Ruf haben: Es gibt in allen geschmähten Völkern Edle und in allen gepriesenen Völkern Schurken.

Als ich eines Nachmittags am Ufer eines Flusslaufes nahe der Stadt mit Scarlett von Hohenburg über Fragen des Schiffbaus, in denen diese zu meiner Überraschung versiert war, theoretisierte, nachdem wir auch ein Stück des Flusses mit meinem Einmaster befahren hatten, trat ein Mann näher, der mir von einer Begegnung am Markttag als ein gewisser John aus Carima bekannt war. Er hatte wohl etwas von unserem Gespräch mitbekommen und berichtete von einem schwer angeschlagenen großen Segler, der in Carima vor Anker lag. Als er mich fragte, ob ich Schiffe auch reparieren könne, musste ich ihm leider mitteilen, dass meine praktischen Fertigkeiten über Ausbesserungen wenig gravierender Schäden an kleinen Schiffen nicht hinausgehen.

Carima ist also kein Binnenland, sondern eines mit Küste, und somit direkt auf dem Seeweg zu erreichen. Angesichts der wiederholten Visiten von Leuten aus Carima in recht kurzen Abständen kann es auch nicht allzu weit entfernt sein. Ich sollte mich bei Gelegenheit erkundigen, ob es in Hohenburg Kartenmaterial gibt, auf dem das Land verzeichnet ist und in das ich Einsicht nehmen kann. Denn auch jenes Land fehlt auf meinen Karten gänzlich.

Eines anderen Tages berichtete mir die Bardin von einer eigentümlichen Begegnung mit einem Fremden, der nach ihrem Bekunden über ein flinkes wie respektloses Mundwerk verfügte, das in dieser Art selbst vor der Herzogin (offenbar auch in dem Wissen, um wen es sich handelt) keinen Halt gemacht hatte. Mir erschien solch ein Vorgehen entweder sehr mutig oder aber sehr töricht. Petty neigte zu letzterem, weil der Herr auch einen seltsamen Scherz gemacht hatte über möglichen Schwefel in der Suppe über ihrem Feuer.

Als ich anmerkte, dass die Suppe doch angenehm dufte, bot sie mir sogleich einen Teller an. Da wurde mir bewusst, dass ich gar keinen Hunger verspürte, obwohl ich am Morgen nur eine Kleinigkeit gegessen hatte. Auch nach Schlaf hatte ich seit einiger Zeit kaum ein Bedürfnis. So war es im Grunde, seit ich den Kristall berührt hatte.

Anschließend kam das Thema darauf, dass ihre Ernte in diesem Jahr ungewöhnlich schlecht ausgefallen sei, weshalb sie auch so kleine Kartoffeln zu Markte hatte tragen müssen. Da dies angesichts der ansonsten üppigen Auslagen am Markttag offenbar nur sie betraf, fragte ich mich, ob es etwas mit der Nähe ihres Lagers und ihrer Beete zur Höhle mit dem Kristall zu tun hat.

Später gesellten sich zwei Herren dazu, die ich ebenfalls schon flüchtig am Markttag gesehen hatte, mit den Namen Defago und Mephisto. Ersterer sprach die ganze Zeit seltsam ausweichend, so dass in dem Gespräch nichts weiter über ihn zu erfahren war. Letzterer gab an, die Herzogin von früher zu kennen und sich nun in Hohenburg als Medicus niederlassen zu wollen; ich nehme daher nicht an, dass es sich um den selben Medicus handelt, der das Pergament verfasst hatte.  

Ich nutzte die Gelegenheit und fragte den Medicus, ob es Anzeichen einer Krankheit sein könne, wenn man wenig Verlangen nach Nahrung und Schlaf verspüre, dabei aber wohlauf sei. Dies veranlasste ihn zu einer misstrauischen Miene und der Frage, ob mir in letzter Zeit das Tageslicht missfalle. Ich ahnte daraufhin, welche Diagnose er zu stellen im Begriffe war, zumal sich meine Haut durch meinen mehrjährigen Aufenthalt in den nordischen Ländern deutlich von der gebräunten Belederung der meisten Hohenburger unterschied. Meine Belustigung jedoch zügelnd gab ich an, die Tageszeit gerade besonders zu schätzen, da einige Dinge ans Licht zu bringen seien. Sein Interesse dahin gebeugt, verschaffte ich ihm einen kurzen Überblick über die Ereignisse, ohne zu sehr in die beunruhigenden Details zu gehen.

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Beitrag von Lana Callis am Sa März 18, 2017 7:52 pm

Kapitel 6 - Experimente

Da die weitere Aufklärung der Geschehnisse ins Stocken geraten war, verlegte ich mich auf die Lektüre alter griechischer Philosophen, deren Werke in deutscher Übersetzung ich erstehe, wo ich ihrer habhaft werden kann. Denn ich schätze deren geistige und sprachliche Klarheit (selbst da, wo sie mir zu irren scheinen), zumal im Vergleich zu den wolkigen Predigten der meisten Geistlichen - ohne diesen zu nahe treten zu wollen, da sie sicherlich wichtige Funktionen erfüllen. Aus solcher Lektüre heraus kam ich schon öfter auf verquere, sich dann aber als hilfreich erweisende Gedanken.



Genau so ging es auch diesmal. In in einem Buch mit Texten des Aristoteles kam dieser an einer Stelle recht beiläufig auf Eintagsfliegen und ihre kuriose Lebensspanne zu sprechen. - Da fiel mir ein, dass dies die Zeit ist, in der man sie antrifft, und fing noch am selben Tag einige Exemplare, um sie in ein Glas zu sperren; denn ich hatte die Idee zu einem Experiment, das endlich weitere Erkenntnisse erbringen sollte, wenn es auch ein weiteres, womöglich gefahrvolles Hantieren mit dem Kristall erfordern würde.

In der letzten Zeit hatte ich es gemieden, mich dem Kristall wieder zu nähern, denn die Auswirkungen der ersten kurzen Berührung waren unheimlich genug. Doch es war eine Zwickmühle: Zu viel Vorsicht ließ die Untersuchungen nur schleppend voran kommen, andererseits könnte zu forsches Vorgehen unbedacht Schaden anrichten.

Wie nicht selten obsiegte meine Neugier, so ging ich zur Höhle, schlug mit einem anderen Stein einen Splitter des Kristalls ab und gab diesen in das Glas zu den Fliegen.

Die kurze Lebensdauer der Tierchen sollte schnell Erkenntnisse bringen, ob sich die Nähe des Kristalls nachteilig oder förderlich auswirkt. Den Rest des Tages überlebten die Eintagsfliegen munter, so erwartete ich sie am nächsten Tage dahingeschieden wie es ihr Name prophezeit - schließlich schon vor zweitausend Jahren, zu der Zeit des Aristoteles.

Der nächste Tag sah die Eintagsfliegen lebend. Ebenso der darauf folgende. Schließlich lebten sie eine Woche.

Mit wachsender Konsternation hatte ich die Woche hauptsächlich mit der Beobachtung der Fliegen verbracht, somit in unmittelbarer Nähe des Kristallsplitters. Dies minderte mein Verlangen nach Nahrung und Schlaf noch einmal derart, dass ich die letzten drei Tage und drei Nächte überhaupt nicht mehr geschlafen oder etwas gegessen hatte. War mein Wohlbefinden anfangs trotz dieser Veränderung noch nicht beeinträchtigt worden, so verdüsterte sich nun zunehmend meine Stimmung, ich wurde gereizt und ungehalten. Zudem plagten mich grausige Tagträume, zeitweise ein seltsamer, in dieser Art noch nie gekannter Schmerz in den Gliedern sowie ein feuriges Brennen in den Augen.

Als ich in diesem Zustande war, näherte sich mir eines Tages der schon erwähnte Herr Defago, während ich gerade wieder auf das Glas mit den winzigen Fliegen starrte. Er konnte sich auf die Szenerie natürlich keinen Reim machen und fragte, ob er mir behilflich sein könne. Entgegen meiner sonstigen Art und trotz des freundlichen Ansinnens verärgert über die Ablenkung murmelte ich nur eine wenig klare Erwiderung. Der Mann blieb freundlich, was mir die Unschicklichkeit meiner abweisenden Art doch noch bewusst werden ließ, so dass ich mich zur Konversation zwang.

Diese ergab, dass sich der Mann in Hohenburg niedergelassen hatte, aber außerhalb der Stadt. Auf meine Schilderung der bedrohlichen Ereignisse, die noch der Aufklärung harrten, reagierte er zu meiner Verwunderung seltsam gleichgültig, als seien diese Vorkommnisse gar nichts Außergewöhnliches. Bevor er sich verabschiedete, sagte er noch etwas besonders Merkwürdiges: "Was die Menschen mit sich ausmachen, sind nicht meine Belange." - Meinte er die anderen Menschen, weil er ein Einsiedler sei? Bevor ich darauf eingehen konnte, fügte er noch eine Weisheit an, der ich nur zustimmen konnte: "Gefahren sind dazu da, dass man sie umschifft - oder durch sie fährt um daraus zu lernen." Sodann entschwand er.

Eine sonderliche Erscheinung, Gegensätze wie Freundlichkeit und Arroganz in sich vereinend (mit letzterer nicht nur verständlicherweise auf meine verdrießliche Art an jenem Tag reagierend, sondern sie auf alle Menschen richtend). Sollte er sich als ein Elbe herausstellen, würde es mich nicht zu sehr überraschen.

Als der Mann gegangen war, begab ich mich zum nahegelegenen Flussufer, um meine brennenden Augen zu kühlen. Beim Blick in das Wasser sah ich sie in der Spiegelung blutunterlaufen.



Die seit einer Woche lebenden Eintagsfliegen jedenfalls waren ein handfester Beweis, dass unnatürliche Mächte am Werk waren und dass der Kristall daran zumindest einen Anteil hatte. So beschloss ich, der Herzogin Bericht zu erstatten.

Die Gelegenheit ergab sich, als ich sie mit dem Medicus auf einer Wiese antraf, auf der offenbar ein heidnisches Fest vorbereitet wurde - ein steinerner Altar, auf dem Boden ein Kreis aus Runen, Scheite für ein großes Feuer. Der Medicus äußerte sich überrascht, dass die alten Religionen noch praktiziert würden. - Dies geschähe nur, so die Herzogin, wenn der Bischof außer Landes sei. Auf meine Nachfrage bestätigte sie, dass bei altgermanischen Festen Naturkräfte, Geister und alte Götter beschworen werden. Hatte ich bislang dazu geneigt, Derartiges wie auch Sagen über Elben als Aberglauben abzutun, so konnte ich nun den Gedanken nicht verdrängen, was wohl geschehen möge, wenn angesichts der offenbar übernatürlichen Vorgänge der letzten Zeit derartige Beschwörungen diesmal tatsächlich etwas hervorrufen oder anlocken würden ...

Auf meine Frage, ob der Medicus vollständig in die Gegebenheiten eingeweiht sei, wegen denen ich Erkundungen anstellen sollte, bedeutete mir die Herzogin, dass ich offen reden könne, da sich die Ereignisse trotz der Bemühungen um Geheimhaltung wie ein Lauffeuer verbreitet hätten. So sagte ich geradeheraus, dass in Hohenburg unheimliche Kräfte walteten, und dass ich dafür einen Beweis hatte. Ich stellte das Glas mit dem Kristallsplitter auf den Altar und erläuterte, was man darin sah: eine Woche alte Eintagsfliegen. Als beide Zuhörer die Tragweite dessen nicht sogleich erkannten, wurde ich wieder deplatziert ungehalten und musste mich zwingen, das weitere nicht zu unwirsch zu erläutern. Dabei wies ich auch auf die Tatsache hin, dass ich schon durch die anhaltende Nähe zu einem bloßen Splitter des Kristalls seit längerer Zeit keiner Nahrung bedurfte, was sich mit der Beobachtung deckte, dass die Wölfe in der weitläufigen Umgebung der Kristallhöhle keine Beute mehr rissen.

Ich sprach warnend, dass nicht abzusehen sei, was geschehen könne, wenn zwielichtige Charaktere oder den Menschen feindlich gesonnene Wesen sich des Kristalls bemächtigen würden und seine Kräfte zielgerichtet einzusetzen wüssten, und sprach mich deshalb dafür aus, den Kristall aus der Höhle zu bergen und ihn zu verstecken. Die Höhle aber, so darauf die Herzogin, sei Elbengebiet, und man dürfe dieses gar nicht ohne Erlaubnis der Elben betreten; man solle zuerst mit einem Elb namens Radir Elendil darüber sprechen, dem Wächter des "Schattentals", der über selbiges einen Schutzzauber gelegt habe.

Dies versetzte mich in eine besorgte Unruhe, sowohl wegen der zu erwartenden Verzögerung, als auch wegen des ungewissen Ausgangs eines solchen Gesprächs; doch wenn es diese Elben tatsächlich gab und sie dieses Gebiet beanspruchten, sollte man wohl auch versuchen, sich mit ihnen zu einigen, so dass ich zögerlich zustimmte.

Der Medicus drängte nun darauf, ihn zum Heilerhaus in der Stadt zu führen, in dem er sich niederlassen wollte. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, dass der Medicus nicht etwa von der Obrigkeit pauschal bezahlt werden würde, sondern berechtigt ist, für seine Leistungen direkt mit den Patienten abzurechnen. Ich hoffte daher, dass sich meine offenbar durch die Nähe zum Kristall ausgelösten Beschwerden wieder von selbst bessern würden, da ich weitgehend autark in der Natur zu leben pflegte und daher nur wenig Zahlungsmittel besaß.

Am nächsten Morgen beobachtete ich ein weiteres Mal die Fliegen. Da spiegelte sich die noch tief stehende Sonne auf der linken Hälfte des Glases, so dass ich die dort befindlichen Fliegen nur noch mit Mühe ausmachen konnte und den Blick sowie die Konzentration auf die rechte Hälfte des Glases richtete. Da wurden die Fliegen in dieser Hälfte auf einmal mehr. Als aufgrund meiner Verwunderung darüber meine Konzentration nachließ, verteilten sich die Fliegen wieder gleichmäßig im gesamten Glas. Ich sprang auf, ging mit dem Glas in den Schatten, und wünschte mir nun intensiv, dass die Fliegen sich in der oberen Hälfte des Glases sammeln sollten - und sie taten es! Ich erschrak und sie stoben wieder auseinander. Derartiges ließ sich noch einige Male wiederholen, da trat zu meinen schon vorhandenen Beschwerden ein stechender Kopfschmerz hinzu, durch dessen Auftreten ich beinahe das Glas fallen ließ. Darauf verschloss ich das Glas mit dem Kristallsplitter in meiner Schiffstruhe und bereitete einige hundert Meter entfernt ein Lager, auf das ich in großer Erschöpfung sank und erstmals seit Tagen einschlief.

Nach dem Erwachen ging ich zur Truhe, entnahm den Kristallsplitter aus dem Glas und stecke ihn ein. Dabei sah ich: Sämtliche Fliegen waren tot. Und nicht nur das: Ihre Leiber erschienen deformiert, einige waren in Gruppen ineinander gekrallt.

Dies wie auch mein eigener sich verschlechternder Zustand gab mir zu denken, doch ich musste den ersten handfesten Hinweis auf eine mögliche Nutzbarmachung des Kristalls noch bestätigt wissen.

So begab ich mich mit dem Kristall in meiner Beintasche in den Wald und näherte mich verschiedenen Tieren, um zu sehen, ob meine gedankliche Vorstellung auch auf diese wirken würde wie auf die Fliegen. Es gelang jedoch nur bei ähnlich niederem Getier, wie anderen Insekten oder Würmern, nicht aber bei einem Igel, einer Maus oder einem Reh. Ich nahm daher einen Regenwurm und einen Käfer mit zu meinem Schiff, um dort weiter zu experimentieren. Nach einiger Zeit konnte ich durch äußerst starke Konzentration gleichzeitig den Wurm in die eine, den Käfer in die andere Richtung dirigieren. Dabei bemerkte ich etwas Leuchtendes auf der Wasseroberfläche, blickte über die Reling und erschrak: Es war die Spiegelung meiner eigenen Augen im Wasser, die so blaugrün leuchteten wie der Kristall. Ließ meine Konzentration nach oder entfernte ich mich einige Meter von dem Kristallsplitter, so normalisierte sich das Aussehen der Augen (oder besser gesagt, sie erschienen wieder blutunterlaufen gerötet wie in den letzten Tagen).



Kurz darauf setzte der Kopfschmerz wieder ein, diesmal so bohrend und vernichtend in den übrigen Körper ausstrahlend, dass ich stöhnend auf das Deck sank und mich krümmte. Einige Stunden dauerte die Folter, bis ich mich mühsam wieder aufrichten, mich des Kristalls entledigen und mit letzter Kraft wieder in das Lager schleppen konnte. Dort schlief ich dann an die sechzehn Stunden, und nach dem Erwachen waren die Schmerzen noch immer bedrohlich. Ich beschloss, mich für einige Tage weder dem Kristall in der Höhle noch dem Splitter in meiner Schiffstruhe zu nähern.

Auch zweifelte ich an dem ganzen Unterfangen. All die Zeit des Studierens, Experimentierens und der Quälerei, und der Ertrag war nur ein die Richtung änderndes Gewürm. Vielleicht sollte sich jemand anderes der weiteren Forschungen annehmen, der oder die vielleicht größeres Talent in der Bändigung und Nutzbarmachung des Übernatürlichen zeigen würde.

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Geschehnisse in Hohenburg

Beitrag von Lana Callis am Sa März 18, 2017 7:53 pm

Kapitel 7 - Zeichen

Es brauchte mehrere Tage des Ruhens fern von den Kristallen, um mich wieder so weit zu erholen, dass ich mich nicht mehr schwer krank, sondern nur noch kraftlos fühlte. Immerhin wähnte ich mich nicht mehr in Todesgefahr, und die Schmerzen waren auf ein erträgliches Maß abgeebbt, so dass ich auf eine vollständige Genesung durch weiteres bloßes Zuwarten zu hoffen wagte.



So konnte ich bei der heidnischen Kultsstätte dem Ritual namens Litha-Fest bewohnen. Die Priesterin sprach, im Kreis aus Runenzeichen stehend, in feierlichem Ernst Beschwörungen zur Anrufung verschiedener Elementargeister und alter Gottheiten, und ich kam nicht umhin, mit einer gewissen Besorgnis die Umgebung zu beobachten. Doch das Herauskriechen der angerufenen Wesenheiten aus den Büschen oder deren Herbeischweben von den Baumwipfeln blieb aus.

Auffällig erschien mir lediglich ein selbst noch nach dem Entzünden des rituellen Feuers seltsam furchtlos nahe den Menschen am Boden sitzendes und die Szenerie beobachtendes Vogelpaar. Mir fiel ein, dass örtliche Auffälligkeiten in den Vogelstimmen zu den ersten Hinweisen auf ein merkwürdiges Geschehen in Hohenburg gehört hatten - also vielleicht besaßen diese Tiere dafür ein besonderes Gespür. Immer, wenn ich das Vogelpaar konzentriert ansah, fühlte es sich an wie eine abgeschwächte Form der Regung, die ich bei der Beeinflussung des niederen Getiers verspürt hatte. Meine Neugier bekam wieder die Oberhand, so dass ich beschloss, nach einer vollständigen Erholung doch weiter in der Richtung zu experimentieren und es als nächstes bei den Gefiederten zu versuchen.

Die Runenpriesterin wendete sich nach den Beschwörungen dem Feuer zu und sprach in etwa: "Es ist Brauch, nun ein Symbol für etwas, mit dem man abschließen möchte, oder aber für das man eine Neuerung wünscht, in das Feuer zu werfen. Ein dabei gesprochener Wunsch möge in Erfüllung gehen."

Darauf trat die Herzogin näher und übergab dem Feuer ein Zeichen von Hohenburg an einer Kette, die Worte sprechend: "So möge sich zeigen, was im Verborgenen liegt."

In den folgenden Tagen, in denen ich zurückgezogen in der Natur lebte, besserte sich mein Zustand weiter. So begab ich mich wieder in Richtung der Stadt, wobei ich einen wohlbeleibten Herrn antraf, der auf einem Bootssteg angelte. Im Gespräch stellte er sich als kauzig heraus, aber nicht auf unsympathische Weise, und auch als recht verschmitzt. Doch es drängte mich zur Stadt, wo ich die Herzogin anzutreffen hoffte. So fragte ich ihn, ob er mich dort hin begleiten möge, was er bejahte; so gingen wir gemeinsam.

Wie nicht selten sah die Herzogin in der Stadt nach dem Rechten. Meinen Begleiter musste ich ihr nicht vorstellen; vielmehr eröffnete sie mir, dass es sich um Carl handle, den neuen Wirt.

Da ich einige Zeit nicht unter Leuten gewesen war, fragte ich nach Neuigkeiten, und bekam einige zu hören:

Die Bardin schien überstürzt aufgebrochen zu sein, einiges von ihrer Habe zurücklassend. Dafür hatten sich Leute von weit her neu angesiedelt, nämlich Highlander, also ursprüngliche Bewohner des schottischen Hochlands, und Wikinger. Diese waren wohl nicht mehr so berüchtigt wie ihre Vorfahren, doch laut Bekunden der Herzogin sei mit ihnen nicht zu spaßen, wenn ihre Ehre gekränkt würde. Daran sei, so meinte ich, nichts auszusetzen; vielleicht könne Hohenburg tugendhafte, aber wehrhafte Leute einmal brauchen ...

Über der Stadt hatten sich in der letzten Zeit einige ungewöhnlich starke Unwetter zusammengebraut. Als Folge stand die Stadt stellenweise unter Wasser.

Eine in einem Reich namens Tancorien offenbar hochgestellte Frau mit dem Namen Amylie Avedon hielt sich in Hohenburg auf und hatte davon berichtet, dass derartige Probleme in ihrem Land gelöst worden seien durch ein Art Untertunnelung der Städte mit Abflussleitungen, genannt "Kanalisation". - Ich erinnerte mich vage, in einer Schrift über etwas ähnliches im alten Rom gelesen zu haben, was mich darin betärkte, die antiken Texte weiter eifrig zu studieren, und dabei fürderhin neben den Griechen auch nach den Römern Ausschau zu halten.

Die Frage der Herzogin, ob ich mittlerweile mit einem der Elben über den Kristall habe reden können, musste ich verneinen. Darauf meinte sie besorgt, auch sie selbst sei dem Elben namens Elendil schon längere Zeit nicht mehr begegnet.

Hatten die Elben das Interesse an dem Land verloren? Waren sie gar abgeschreckt von den Veränderungen in ein anderes Land weitergezogen? - Da ich selbst mit den Elben - sofern sich Herr Defago nicht als ein solcher herausstellen würde - noch nichts zu tun hatte, wusste ich nicht, ob ich solche Möglichkeiten bedauern oder begrüßen sollte.

Jedenfalls sprach ich offen aus, dass mir ein Gebietsanspruch der Elben, der sich auch auf die Höhle mit dem Kristall erstrecke, missfiel, zumal der Kristall von Menschen gefunden worden war, bevor angebliche Elben im Land aufgetaucht waren. Ich bekräftigte, dass der Kristall so bald wie möglich an einen anderen, diesmal besser geheim zu haltenden Ort gebracht werden sollte, bevor sich zwielichtige Elemente seiner bemächtigten - ob mit oder ohne Zustimmung der Elben. Denn der Fundort würde sich mittlerweile herumgesprochen haben.  

Hoffentlich war unsere verschollene Bardin nicht bereits in ihrem Lager nahe der Kristallhöhle solchen zwielichtigen Menschen oder anderen Wesen in die Hände gefallen.

Mittlerweile hatte sich auch der Medicus zu uns gesellt, und es wurde noch eine Weile über mögliche Verstecke beratschlagt. Doch die Herzogin blieb dabei, dass nicht zur Tat geschritten werden könne, bevor darüber mit den Elben geredet worden sei. Auch wolle sie in der Angelegenheit noch eine Audienz beim König erwirken.



Meine Warnungen bezüglich der Dringlichkeit der Sache hatten somit nicht sonderlich gefruchtet.

Wohl weil ich so auf die Abwehr von Gefahren bedacht war, und auch aufgrund meiner gewissen Akribie bei Erkundungen, bedeutete mir die Herzogin nicht das erste Mal, ich sei wie geschaffen für die Stadtwache. Ich dankte, gab aber an, mich doch eher als neugierige Natur zu sehen, die froh ist, wenn gewonnene Erkenntnisse von Nutzen sind, denn als Vollstreckerin des Willens der Obrigkeit.

Insgeheim befürchtete ich sogar, über kurz oder lang mit der Obrigkeit, und vielleicht gleich dazu mit den Elben, aneinander zu geraten, wenn sich die Sache weiter verzögern würde - denn ich dachte ernstlich darüber nach, den Kristall eigenmächtig an einen anderen Ort zu bringen und mich dann der Obrigkeit zu stellen, um dafür die Verantwortung zu übernehmen und mich möglicher Bestrafung auszusetzen.



Ich kann nicht behaupten, mich einer besonders eifrigen Religiosität zu befleißigen. Aber den meisten Menschen unserer Zeit ist dies ja durchaus eigen, so dass ich mich bei einem meiner Streifzüge über das großflächig verrottete Dach der Kirche vor der Stadt wunderte. Wenn man so davor stand, schien es wie ein Zeichen von fragwürdiger Symbolkraft.



Als ich einmal Scarlett von Hohenburg darauf ansprach, reagierte sie erbost, weil der Missstand wohl schon länger bekannt und sie davon ausgegangen war, dass er längst behoben sei.

Freilich hängt es von der Qualität der Predigten ab, ob der Kirchenbesuch den Leuten nützt oder schadet. Aber so manche verlieren ohne geistliche Erbauung den moralischen Halt, also wäre es vielleicht besser, wenn man bei Regen in der Kirche nicht nass würde. - Da kam mir der Gedanke: Je mehr die Leute den moralischen Halt verlieren, umso mehr sollte die Stadtwache zu tun haben. Also fragte ich die Herzogin, ob es in der Hinsicht schon Klagen gab. Dies war ihr nicht bekannt, so begaben wir uns direkt ins Wachquartier.

Der Kommandant war zugegen. Auf die Frage, ob er seit der Beschädigung der Kirche etwas von einer nachlassenden Moral der Leute mitbekommen habe, gab er an, das Volk Hohenburgs sei eigentlich seit jeher nicht wirklich von der Kirche angetan - in letzter Zeit würde die Kirche aber regelrecht gemieden. Ein Ansteigen der Kriminalität könne er aber nicht verzeichnen.

Es schien mir eher ein Vorzug der hiesigen Leute zu sein, wenn sie bei der Moral blieben, ohne dafür den regelmäßigen Kirchenbesuch nötig zu haben.

Nach meinem Eindruck war es in der letzten Zeit jedoch überhaupt sehr ruhig in Hohenburg, als würden sich die Leute in den Häusern verkriechen. Da kann man schlecht beurteilen, was in ihren Köpfen vor sich geht. Vielleicht wüsste das noch am ehesten der Wirt.

Nun schien mir der rechte Zeitpunkt, um auf eine weitere beunruhigende Beobachtung bei der Kirche hinzuweisen. Hinter der Kirche hatte ich ein dort aufgestelltes Wappen entdeckt - mit denkbar unchristlichen Zeichen in blutroter Farbe: einem Pentagramm im Zentrum und einem auf der Seite liegenden Kreuz am Rand.

Dies brachte den Wachmann in Wallung - auf dem Gelände der Kirche habe niemand etwas aufzustellen. Er verlangte, es ihm sofort zu zeigen. So begaben wir uns zu dritt zur Kirche, und zwar zu deren Rückseite bei den Gräbern.



Als Walter dort das Wappen sah, geriet er in noch heftigere Aufregung, denn er erkannte diese Heraldik: Ein Mann von Adel, den er am Markttag gesehen hatte, habe die selben Insignien an seiner Kleidung getragen. Der Mann sei ihm aufgrund seines Verhaltens gefährlich vorgekommen.

Die Herzogin autorisierte sogleich, das Wappen zu entfernen und den Mann zu verhaften. Darob musste ich schlucken; die Herzogin macht meist einen zugänglichen Eindruck, ohne ständig den Ton autoritärer Schärfe in der Stimme zu haben, doch man sollte sich vorsehen: Sie ist in der Lage, etwas mit spontaner Entschlusskraft anzuordnen, und als Zeichen dafür, dass die Obrigkeit auch vor äußerster Härte nicht zurückschreckt, sei an den grausigen Anblick bei der Richtstätte erinnert.

Der Kommandant zögerte, denn er sah in dem Wappen, so gab er an, einen möglichen Hinweis, dass es vielleicht nicht nur um einen Adeligen gehe, sondern um einen größeren Zusammenhang, und äußerte den Wunsch nach Verstärkung der Wache.

Die Herzogin wurde ungehalten und bekräftigte ihre Anordnung, worauf der Wachmann das Wappen sogleich verbrennen wollte.

Ich äußerte mich dazu folgendermaßen: Das Aufstellen solcher Zeichen bei einer Kirche sei wahrhaft dreist. Aber man solle vielleicht vorerst zurückhaltender vorgehen statt mit einer direkten Festnahme. Vielleicht war es ja nur ein unter Größenwahn und Selbstüberschätzung leidender Mann, aber vielleicht habe dieses Selbstbewusstsein auch eine Grundlage, vor der man sich in Acht nehmen sollte. Im Zusammenhang der übrigen Ereignisse riet ich zur Vorsicht. Das Wappen wirke ja wie ein demonstrierter Machtanspruch, der sich noch über die weltliche Macht hinausgehend der geistlichen überlegen fühle, und ich zog in Zweifel, ob Hohenburg gegen etwaige übernatürliche Mächte schon hinreichend gewappnet sei. Ich würde ja seit längerem ahnen, dass die magischen Manifestationen in Hohenburg auch finstere Mächte anlocken könnten - und wir seien erst am Anfang der Erforschung des Übersinnlichen.

Walter schlug daraufhin vor, zunächst in einem Fundus alter Bücher nachzuschlagen, ob sich die Zeichen auf dem Wappen näher entschlüsseln ließen. Als ich nach diesem Fundus fragte, erklärte die Herzogin, für die Errichtung des Schlosses sei eine alte Ruine abgerissen worden, in der zuvor uralte Bücher gefunden worden waren, die allerdings nur zum Teil lesbar seien.

Ich bat darum, mich in der Sache auf dem Laufenden zu halten.

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Geschehnisse in Hohenburg

Beitrag von Lana Callis am Sa März 18, 2017 7:55 pm

Kapitel 8 - Der einschüchternde, eingeschüchterte Fürst

Als eines Tages die Herzogin eine Besucherin, der sie offenbar einige Bedeutung beimaß, durch die Stadt führte, gesellte sich ein Fürst dazu, der den Stolz auf seine adelige Abstammung so weit trieb, alle nichtadeligen Anwesenden als "Gesindel" zu beleidigen. Als er dann auch noch die abwesende Wache verunglimpfte, dämmerte mir, dass es sich um den Aufsteller des anmaßenden Wappens bei der Kirche handeln könnte, und um den Besitzer des waghalsiges Mundwerks, welcher der Bardin aufgefallen war. Als ich ihm mit der Nachfrage, was er denn für ein Problem mit Gesindel habe, auf den Zahn fühlen wollte, gab er keine Antwort und folgte einfach wortlos der Herzogin und ihrem Gast. Mir war nicht klar, ob er aufgrund geistiger Schlichtheit eine Antwort schuldig blieb oder aus Arroganz.

Nachdem ich eine Weile durch die Stadt geschlendert war und nicht schlecht staunte über die gut ausgestatteten Wirkstätten verschiedener Handwerker, darunter sogar eine Buchbinderei, traf ich nahe des Brunnens wieder auf die Gruppe um die Herzogin mit dem dünkelhaften Fürsten im Gefolge.

Als dieser auf einer Bank vor einem Haus sitzend Piper und Tommy von Ansberg erblickte, die das Verschwinden ihres Vaters zu beklagen hatten, ging er stracks auf sie zu und belästigte sie mit allerlei Fragen. Diese antworteten instinktiv zögernd und abweisend, so dass er sie mit der Behauptung, er sei dazu berufen, nach dem Rechten zu sehen, einzuschüchtern suchte. Als darauf das Mädchen im Begriffe war, dem eigenartigen Mann den Ort ihres Landsitzes zu verraten, ging ich dazwischen und bedeutete den Kindern, dass sie Fremden keine Auskünfte schuldeten. - Wieder trollte sich daraufhin der Fürst wortlos davon, so dass ich so langsam neben Einfalt oder Arroganz eine gewisse Feigheit vermutete.

Am darauffolgenden Sonntag konnte ich erstmals einer Audienz in der Burg der Herzogin beiwohnen.

Den Einlass erreichte ich zeitgleich mit Carl, dem Wirt der Stadt-Taverne. Der Wachkommandant verlangte, alle Waffen abzulegen, was ich wortlos tat, wogegen der Wirt eine weitere Kostprobe seiner Schalkhaftigkeit zum Besten gab, indem er seine Geldbörse zückte, denn dies sei seine schärfste Waffe. In darob erheiterter Stimmung betraten wir das Innere der Burg. Der Prunk des Thronsaals vermochte mich, die ich ein genügsames Leben in der Natur bevorzugte, einerseits zu beeindrucken, brachte mich aber andererseits ins Grübeln über die harte Arbeit der einfachen Bevölkerung, deren Steuertribute an den Adel solche Reichtümer ermöglichten.

Noch betrachtete ich mich nicht als offiziell in Hohenburg eingebürgert und somit einer Steuerforderung unterworfen - andererseits konnte ich wohl mit Fug sagen, dem Land ohne Besoldung schon gefahrvolle Dienste erwiesen zu haben. Wenn es bei dieser stillen Übereinkunft bleibt, nach der sich denkbare gegenseitige Geldforderungen annullieren, so hätte ich nichts dagegen.

Nach einer Begrüßung informierte die Herzogin die Anwesenden über den Beschluss, die Stadt mit einer Kanalisation auszustatten, und darüber, dass wir bei einer Erkundung ein gutes Versteck für den Kristall gefunden hatten. Während anschließend der Knabe Tommy von Ansberg etwas vorbrachte, erdreistete sich der vorlaute Adelige, der mir schon in der Stadt unangenehm aufgefallen war und den die Wache mit "Fürst Dias" ansprach, sich auf den Thron neben der Herzogin zu setzen.



Man spürte, wie alle Anwesenden den Atem anhielten. Der Wachmann ging mit der Hand am Schwertgriff auf den Fürsten zu und wies ihn an, den Platz zu verlassen. Da hatte dieser tatsächlich noch Widerworte, und fügte sich erst, als die Herzogin den Befehl wiederholte. Sodann verlangte er, vorzusprechen, wobei er die ebenfalls anwesende Gräfin Avedon zur Seite rempelte, was diese mit einem sicher schmerzhaften Hieb in des Fürsten Genick quittierte. Das Wort wurde ihm widerwillig gewährt. Er wollte nun mit kindisch wirkender Hartnäckigkeit geklärt wissen, wo er bei Audienzen als Mann von Adel sitzen dürfe. Als die zähen bis unverschämten Ausführungen kein Ende nahmen, sagte ich, er solle doch nun sein Anliegen vorbringen, sofern es sich nicht in der Frage des Sitzplatzes erschöpfe. Er tat, als habe er es nicht gehört. Als er nun ankündigte, das nächste Mal einen eigenen Sitz mitzubringen, hatte er bei der Herzogin die rote Linie überschritten, so dass sie ihm für den Fall den Rauswurf androhte und sein Vorsprechen für beendet erklärte.

Doch damit nicht genug: Von nun an wanderte der Fürst respektlos im Saal umher und verschwand sogar kurzzeitig in angrenzenden Räumlichkeiten. Als er wieder im Thronsaal erschien, wich meine Verärgerung kurz einem Gefühl der mitleidigen Sorge aufgrund des Gedankenblitzes, der Mann könne geistig verwirrt sein. So trat ich zu ihm und fragte ihn flüsternd, ob er sich ganz wohl fühle. Wie schon kurz zuvor und wie auch schon zwei mal in der Stadt wandte er sich auf eine Ansprache von mir nur wortlos ab. - Warum vermied er es so peinlich, mit mir ein Wort zu wechseln? Geistige Schlichtheit, Arroganz oder Feigheit hielten ihn doch auch nicht ab, mit der Bardin, der Herzogin oder der Wache zu sprechen, und das sogar mit waghalsiger Dreistigkeit. Mir dagegen schien es nicht zu gelingen, ihn hinreichend wenig zu verstören, um ihm das Herausbringen einer Antwort zu ermöglichen.

Der Auftritt des Fürsten bei dieser Audienz zeigt, in welchen Zeiten wir leben: Einem Menschen ohne Adelstitel wäre der Wortschwall sicher früher abgeschnitten worden, und vergleichbar freche Anmaßungen hätte sicher üble Folgen gehabt. Das sollte man auch in Hohenburg nicht leichtfertig vergessen - was leicht geschehen mag, da die Herzogin in Gesprächen meist auch Leute ohne adelige Abstammung ernst nimmt, das Wohl auch der einfachen Bürger im Blick hat und nicht zu übermäßiger Willkür neigt. Doch auch der gerechteste Mensch ist mal ungerecht, etwa im Zorn - und hat er uneingeschränkte Macht, wie es bei hohem Adel der Fall ist, so bleibe man auf der Hut.

Als nächste sprach Amelie Avedon vor und erkundigte sich nach dem Stand der Kanalarbeiten. Diese waren, so die Herzogin, vielversprechend im Gange. Als sie die Gräfin für ihre Beratung in der Sache mit einem Entgelt belohnen wollte, lehnte diese dankend ab und riet, die Mittel besser für die Kanalisation zu verwenden, deren Fertigstellung und Instandhaltung nach ihrer Erfahrung noch einiges verschlingen werde.



Nun erbat der Wirt das Wort. Er brachte vor, es würde ihm missfallen, wie die Leute sich gegenseitig den Unrat vor die Türen werfen. Sogleich wandte Fürst Dias ein, dies sei ein angestammtes Recht. Die Herzogin riet, dagegen den Besen zu schwingen. Darauf sagte der Wirt einen Satz, von dem mir dünkt, er könne sprichwörtlich werden: Es solle jeder vor seiner eigenen Türe kehren.



Während der Wirt vorsprach, gab es kaum zu überhörendes Getuschel über eine angebliche Trunksucht desselben. Da sich dies mit meinen Beobachtungen keineswegs deckte, sagte ich für alle vernehmlich, dass mir der Wirt bisher stets nüchtern und sogar recht aufgeweckt begegnet war. Fürst Dias, das akribische Schandmaul, stimmte natürlich in die Lästerungen ein, indem er anmerkte, die Leber des Wirtes würde diesen überleben. Wenn der Alkohol die Leber haltbar mache, so der Wirt, könne dies nur gesund sein. - Man muss als Wirt schon darauf achten, nicht als Abstinenzler zu gelten.

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Beitrag von Lana Callis am Sa März 18, 2017 7:56 pm

Kapitel 9 - Stürme

Der von Amelie Avedon angeregte Bau einer Kanalisation wurde erfolgreich abgeschlossen, so dass es in der Stadt nicht zu weiteren Hochwassern kam. Dafür ereignete sich unversehens eine gewaltige Sturmflut, die weite küstennahe Gebiete Hohenburgs unter Wasser setzte.

Dass die Ursache der Überschwemmung in Stürmen vom Meer liegen musste, ergab sich aus einem Gespräch beim Anwesen der Fischerin Geka Gausman, bei dem neben dieser auch die Herzogin, die Landwirtin Anna Mayer und eine Fremde namens Isais anwesend waren. Nach einer kurzen Augenscheinnahme wurde mir klar, dass das Wasser nicht von den Bergen gekommen sein konnte, denn dafür war es nicht schlammig genug. Das Anwesen der Fischerin war bis auf weiteres unbewohnbar; zum Glück konnte sie vorerst bei den Mayers unterkommen.



Sodann berichtete die Herzogin von einer außergewöhnlich stürmischen See, die ihrem Gemahl noch mit Not, dem König aber nicht mehr ermöglicht hatte, Hohenburg anzulaufen. Mich durchzuckte die Erinnerung an das infernalische Unwetter auf See bei meiner Ankunft, das aber aufgrund seiner kurzen Dauer kein Hochwasser zur Folge gehabt hatte.

Unvermittelt wechselte die Herzogin das Thema mit einer Frage, die mich an meinem Gehör zweifeln ließ: "Lana, habt Ihr den Kristall schon vom Elbenreich weggeschafft?" - Ich stand einen Moment wie vom Donnerschlag gerührt. Auf einmal mussten vor diesem Schritt nicht mehr die Elben und der König konsultiert werden? - Ruhig wies ich darauf hin, dass ich drauf und dran war, es zu tun, aber dass es ja untersagt worden war vor solchen Konsultationen. Die Herzogin geriet in einen Sturm der Entrüstung: Alles müsse man selbst machen, auf niemanden sei mehr Verlass. In schneidendem Ton erteilte sie mir den Befehl, den Kristall in das ausgekundschaftete Versteck zu bringen.

Ich spürte, dass es klüger war, den Widerspruch zu früheren Weisungen nicht anzusprechen, schluckte meine eigene aufkeimende Verärgerung darüber hinunter und antwortete der Herzogin, dass ich es noch am selben Tag erledigen werde, wenn sie nicht mehr darauf bestehe, auf ein Zusammentreffen mit den Elben zu warten. Noch immer erregt rief die Herzogin aus: "Wir können nicht länger warten! die Gefahr ist zu groß!" Wiederum verkniff ich mir den Hinweis, dass dies von Anfang an meine Rede gewesen war, und sagte nur, dass wir uns da einig seien.

Somit hatte ich einen kleinen Anflug ungerechter adeliger Willkür erstmals auch in Hohenburg am eigenen Leibe erfahren. Doch mit so etwas lässt sich leben, so lange letztlich die Vernunft obsiegt, und das war ja der Fall.

Nach meinem Eindruck hatten die Umstehenden aus dem Gesprächsverlauf den irrigen Schluss gezogen, der Kristall sei für die Überschwemmung verantwortlich. So sagte ich, dass es da wohl keinen direkten Zusammenhang gäbe, sondern allenfalls eine gemeinsame Ursache.

Frau Mayer fragte nach, ob ich denn glaube, dass bei der Überschwemmung höhere Mächte am Werk seien. Ich antwortete, dies solle man als Möglichkeit jedenfalls nicht ausschließen, wenn solche Hochwasser ungewöhnlich seien für Hohenburg, was ich aber nicht beurteilen könne, da ich mich noch nicht sehr lange im Lande aufhielt.

Frau Mayer gab daraufhin an, noch nie eine so hohe und lang anhaltende Überschwemmung erlebt zu haben, und die Herzogin berichtete, sie habe ihren Gemahl wegen eines Unwetters auf See noch nie in solche Sorge geraten und eine Seefahrt abbrechen sehen.

Man wünschte mir Glück bei der Mission, den Kristall in das Versteck zu bringen, und wollte mich sogar in Gebete einschließen. Ich bedankte mich, und da noch immer Angst vor allem vorzuherrschen schien, das mit dem Kristall zu tun hatte, brachte ich ein weiteres Mal meine Meinung zum Ausdruck, dass sich der Kristall sicher nicht nur zu fragwürdigen Zwecken verwenden ließe, sondern auch nutzbringend, und dass für niemanden eine Gefahr bestünde, sobald er an einem sicheren Ort verwahrt sei.

Die Fremde namens Isais fragte daraufhin nach genauen Eigenschaften des Kristalls wie Form und Farbe, was den Eindruck erweckte, sie habe mit solchen Kristallen Erfahrungen. Ich ließ mich daraufhin auf eine kleine Fachsimpelei ein, wobei ich auch die Wirkungen des Kristallsplitters auf mein Befinden nach unvorsichtig langem Umgang damit beschrieb.

Dies führte wieder zu verängstigten Blicken und Bemerkungen der Umstehenden, so dass ich es mit einem Gleichnis versuchte: Man könne nicht erwarten, so etwas Neuartiges gleich beherrschen zu können; doch mit mehr Erfahrung bringe der Kristall vielleicht mehr Nutzen als Unheil, wie es ja auch der Fall war, als die Menschen das Feuer zu bändigen lernten.

Unterwegs hatte ich gesehen, dass die Kirche instand gesetzt worden war und dass jenes unheilvolle Wappen nicht mehr dort prangte. Auf Nachfrage gab die Herzogin an, die Wache habe es entfernt, zur Sicherheit unter Schutzbeschwörungen der heidnischen Priesterin. Die dunkle Burg stand wieder leer, Fürst Dias hatte offenbar das Land verlassen.

Sodann brachen die Herzogin, Isais und ich auf zur Kristallhöhle. Dort angekommen, musste man in kniehohes Wasser. Noch bevor ich anbieten konnte, den Kristall allein aus der Höhle zu holen, hatte die Herzogin schon den Rock angehoben und watete unerschrocken voran, auch Isais folgte.

Beim Kristall angelangt, erinnerte er Isais an einen Malachit, worauf ich auf das eigentümliche Leuchten hinwies, was sie bei einem Malachit dann doch noch nie beobachtet hatte.

Scarlett von Hohenburg wurde in der Nähe des Kristalls sogleich unwohl. Als mich diese Feinfühligkeit überraschte, erinnerte mich die Herzogin daran, dass sich auch der Überfall durch den flammenden Unhold durch ein ganz ähnliches Unwohlsein angekündigt hatte. Somit ist anzunehmen, dass die Herzogin ein besonderes Gespür hat für das Walten magischer Kräfte - das gilt es, im Auge zu behalten.

Die Nähe des großen Kristalls wurde der Herzogin bald so unangenehm, dass sie beschloss, sich zurückzuziehen; mit guten Wünschen trat sie den Heimweg an.

Ich sagte Isais, dass ich noch einen langen Weg durch die Nacht vor mir hatte und auch aufbrechen sollte. Zum Versteck könne sie mich nicht begleiten, da der Ort möglichst geheim bleiben müsse. Dafür hatte sie Verständnis.



Für den Fall, dass ich mal Ihren Rat benötigen sollte, bot sie mir noch an, ihr eine Brieftaube in ihre Heimat Calimshan zu senden. Als ich fragte, ob dieses Land von Hohenburg aus auf dem Seeweg zu erreichen sei, zögerte sie zunächst mit einer direkten Antwort, zog dann aus einer Tasche ihrer Kleidung einen kleinen, hellen Gegenstand hervor und gab ihn mir. Es war eine Pfeife. Auf dem kürzesten Seeweg nach Calimshan würden besondere Gefahren lauern, und diese Pfeife könne sie bannen.

Ich ließ mir eine gewisse Skepsis nicht anmerken, dankte für das Geschenk, für die Begleitung zur Höhle und für die freimütigen Auskünfte - denn man laufe ja in unseren Zeiten Gefahr, in Schwierigkeiten mit dem Klerus zu geraten, wenn man über Magisches spreche; doch sei in Hohenburg die Kirche offenbar nicht die erste Macht.

Wir verabschiedeten uns und ich machte mich auf den Weg.

Unterwegs kam ich auf eine Idee, mittels des Kristalls zu testen, ob bei dem Hochwasser Magie im Spiel war, indem ich versuchte, eine Art Gegenmagie anzuwenden. Ich begab mich zu einer genau kniehoch überschwemmten Stelle, schloss die Augen und konzentrierte mich auf den Wunsch, der Wasserstand möge normal sein.



Doch als ich die Augen öffnete, war der Wasserspiegel auch in direkter Umgebung unverändert. Dafür fielen mir nun drei Erklärungen ein: Entweder war keinerlei Magie im Spiel, meine Fähigkeiten reichten in der Hinsicht nicht aus, oder nur der Sturm auf See war unnatürlichen Ursprungs, das Hochwasser aber lediglich ein natürlicher Nebeneffekt des Sturms.

So beschloss ich einen Umweg und schlug die Richtung zur Küste ein. Nach einer Weile hörte ich schon von Weitem das Tosen von Wind und Wellen, die gegen Felsen schlugen. Am Rand eines Küstenfelsens angelangt, der sich normalerweise weit über das Meer erhob, erblickte ich nun schon wenige Meter unter mir im Mondlicht die heranbrechenden Wellen, und es brauste ein Sturm, der es schwer machte, sich auf den Beinen zu halten. Nun versank ich wieder in Konzentration, diesmal mit dem Wunsch, es solle nur das natürliche Wetter herrschen. - Und tatsächlich, es wehte, was ich an den Bäumen sah, im Umkreis von etwa fünfzig Metern nur noch ein laues Lüftchen, wogegen jenseits davon die Zweige der Bäume unverändert im Sturme peitschten.

Also war wohl der Sturm magischen Ursprungs, so dass ihn die entgegengesetzt wirkende Magie des Kristalls in dessen unmittelbarer Nähe abebben ließ. Welche übernatürliche Macht wollte da zum Schaden Hohenburgs verhindern, dass Schiffe anlanden? - Oder vielleicht zum Wohle Hohenburgs, weil von einem Schiff Gefahr drohte?

Meine Überlegungen wurden jäh unterbrochen von einem brutalen Schmerz, der mich in die Knie gehen ließ. Meine Konzentration brach zusammen und im gleichen Moment setzte der Sturm wieder ein, das Wasser mit solcher Wucht gegen den Felsen schleudernd, dass die Gischt vor mir aufspritzte. - Da war sie wieder, die unheilvolle Nebenwirkung der Kristallmagie, die offenbar bei der Verwendung des großen Kristalls sehr viel schneller einsetzte als mit dem bloßen Splitter desselben.

Zum Glück ließ der Schmerz bald wieder nach und ich konnte weiterziehen. Mit dem leuchtenden Kristall offen in der Hand ging ich bewusst eine ganze Weile in die falsche Richtung, um mögliche Verfolger in die Irre zu führen. Nach einer Biegung drückte ich mich in eine Felsnische, zog ein Tuch aus meiner Beintasche und wickelte den Kristall darin ein, um erst dann die Richtung des Verstecks einzuschlagen.

Wie ich schon bei der Schilderung der Audienz anmerkte, lag das Versteck bereits fest; auf einem Streifzug durch abgelegene Landesteile hatten die Herzogin und ich dafür einen vorzüglichen Ort entdeckt. Vor dessen näherer Beschreibung in dieser Schrift schrecke ich zurück, auch wenn ich den Einband stets unter Verschluss halte.

Der Marsch war noch lang und beschwerlich, verlief aber sonst ohne besondere Vorkommnisse. Nach menschlichem Ermessen lagert der Kristall nun sicher: beschwerlich zu erreichen, schwer aufzufinden und weit entfernt von üblichen Aufenthaltsorten der Menschen.

Lana Callis

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Geschehnisse in Hohenburg

Beitrag von Lana Callis am Sa März 18, 2017 7:57 pm

Kapitel 10 - Misstrauen

Bei der nächsten Audienz erschien ein martialisch und für die Jahreszeit sehr spärlich bekleideter und damit wohl seine Abhärtung demonstrierender Gesandter aus Calimshan namens Tetsu, den sein Großherzog gesandt habe, um Hohenburg Hilfe anzubieten. Dies bezog er nicht nur auf die Schäden durch die Sturmflut, sondern sprach auch den Kristall an, was meinen Argwohn erregte, zumal er auf Nachfrage der Herzogin keine Sachkunde anführen konnte. - Wenn man den Kristall aus guten Gründen im eigenen Land versteckt hält, ergibt es keinen Sinn, ohne stichhaltigen Grund Fremden zu erlauben, ihn näher in Augenschein zu nehmen, zumal diese immer auch unbekannte eigene Interessen verfolgen können.



Die Herzogin schien es ähnlich zu sehen, denn sie sprach geschickterweise im Folgenden nur noch von den Flutschäden, ohne auf den Kristall weiter einzugehen.

Besonders verheerend hatte sich die Sturmflut auf die Ernte ausgewirkt. Es würde wohl nicht möglich sein, ausreichende Vorräte für den Winter einzulagern. Ob eine Hungersnot allein durch landesinterne Maßnahmen wie verstärktes Jagen abzuwenden sein würde, blieb abzuwarten.



Einige Tage nach der Audienz lief mir Tetsu vor den Toren der Stadt über den Weg und wir kamen ins Gespräch. Wie ich erfuhr, war Isais mit dem Großherzog von Calimshan in den Stand der Ehe getreten und somit nunmehr Großherzogin. Ich bat, ihr darob meine Glückwünsche auszurichten. Als er auf Nachfrage erfuhr, dass ich mit Isais bekannt war, wurde Tetsu sichtlich nervös und bat mich, ihr nicht zu verraten, dass er vom Großherzog gesandt worden war.

Ich fragte verwundert nach, ob ich das richtig verstanden hatte: Der Großherzog habe ihn nach Hohenburg geschickt, aber dessen Gemahlin dürfe nichts davon wissen? - So sei es in der Tat; er sei beauftragt worden, nachdem Isais den Raum verlassen hätte, mit der ausdrücklichen Weisung, es müsse ihr gegenüber geheim bleiben. Warum, wisse er nicht. Der unnatürliche Tonfall bei diesem Nachsatz ließ mich vermuten, dass er gelogen war - dass der Gesandte also sehrwohl wusste, warum der Großherzog diese Geheimniskrämerei betrieb, es aber nicht verraten wollte oder durfte.

Ich sagte ihm zu, es bei einer etwaigen weiteren Begegnung mit Isais nicht anzusprechen, bedeutete ihm aber, dass ich, ohne die Hintergründe zu kennen, eine Großherzogin nicht anlügen würde, wenn sie direkt danach fragen sollte. Darauf beteuerte er, die Gründe der Geheimhaltung in Erfahrung zu bringen und sie mir sodann mitzuteilen.

Da ich sowohl bei der Handhabung meines Einmasters als auch bei der Jagt oder kundschaftenden Streifzügen durch die Natur in der Lage sein muss, mich ungehindert zu bewegen, ohne gleich ins Schwitzen zu geraten, bevorzuge ich praktisch enganliegende Kleidung ohne überflüssige Stofflagen, und an diesem recht warmen Herbsttag kleidete ich mich auch nicht allzu hochgeschlossen. Dies war den verstohlenen Blicken Tetsus offenbar nicht entgangen, so dass ich seine Beteuerung mit Skepsis aufnahm, nämlich als bloßen Versuch der Einschmeichlung.

Dazu passte auch seine Enttäuschung, als ich ihm auf seine Einladung zu einem Getränk in der Stadt-Taverne mitteilte, dass diese gerade wegen Renovierungsarbeiten geschlossen war. Seine Miene hellte sich erst wieder auf, als ich ihm sagte, dass für den Neunten des Oktober geplant war, als Ausweichquartier eine kleine Schlosstaverne zu eröffnen, und dass ich dieser Eröffnung wohl beiwohnen würde. Die in seinen Augen lesbare Hoffnung auf mehr als eine Bekanntschaft mit mir würde unerfüllt bleiben, aber aus Takt sprach ich dies nicht aus.



Als ich am Tag der Eröffnung bei der Schlosstaverne eintraf, waren schon zahlreiche Leute von nah und fern anwesend, darunter auch das großherzogliche Paar aus Calimshan, Isais und Ahriman Manyu.

Kaum hatte ich mich dazu gesetzt, klagte mir der Landwirt Lucas Mayer sein Leid über das anhaltende Hochwasser und kam in dem Zusammenhang auch gleich wieder auf den Kristall zu sprechen. Ich konnte nur seufzend auf meine Ausführungen bei der letzten Audienz verweisen, bei der ich - offenbar vergeblich - ein weiteres Mal versucht hatte, meine Sicht der Dinge darzustellen und so die Leute zu beruhigen.

Es war nicht zu übersehen, dass die Augen des Großherzogs interessiert aufblitzten, als die Rede auf den Kristall kam. Deshalb nutzte ich das Eintreffen Tetsus, um durch dessen Begrüßung von dem Thema abzulenken. Tetsu wirkte gut gelaunt - bis er seinen Großherzog am Tisch sitzen sah; da erstarrte er erst wie vor Schreck, dann verzog sich seine Miene zu einem gequälten Grinsen, während er eine Begrüßung herauspresste. Da mir der Besuch einer Taverneneröffnung unverfänglich schien, fragte ich mich, ob es seine freundliche Zuwendung mir gegenüber war, deren Registrierung durch den Großherzog ihm Pein bereitete.

Von den in der Taverne angebotenen Getränken entschied ich mich für Kirschsaft, nur um nicht vor dem ersten Schluck zu merken, dass auch dieser in vergorenem Zustand serviert wurde. Die Wirkungen des Alkohols sind mir ein Gräuel, zumal sie bei mir recht schnell und anders eintreten als gemeinhin üblich, nämlich nicht erheiternd, sondern im Gegenteil zu Trübsal führend. Zu oft muss man auch mitansehen, wie der Alkohol die Streitlust fördert, so dass ich mir gerade in der Nähe von Schankstätten ungern die Sinne benebeln und die Wachsamkeit dämpfen lasse.

Die Festivität war denn auch kaum in Schwung, da wurde ein Fremder ausfallend und sogar tätlich gegen die Landwirtin Anna Mayer und auch gegen ihren Mann Lucas, als dieser ihr zur Hilfe eilte. Amylie Avedon, deren Mut und energisches Auftreten mir schon gegenüber dem Fürsten Dias aufgefallen waren, trat dem sicher angetrunkenen Rüpel sogleich entgegen, ebenso Tetsu. Da ich mir dachte, dies sei eine Angelegenheit der Wachleute, fragte ich die Herzogin, ob denn solche nicht in der Nähe seien. Daraufhin teilte sie mir mit, dass sie Tetsu aushilfsweise zum Wachdienst in Hohenburg angeheuert hatte.

Nun schien er dieses Amt auch wacker auszufüllen, behauptete sich gegen die Zurwehrsetzung des Unruhestifters und verfrachtete ihn in den Schlosskerker. Dennoch war ich etwas besorgt, dass ein Gesandter aus einem weitgehend unbekannten Land mit einem etwas zwielichtigen Auftreten und ebensolchen Umständen seiner Beauftragung die Position einer Wache in Hohenburg innehatte.

Später führte die Herzogin Amylie Avedon, Tetsu und mich durch die Kerkeranlagen. Der Anblick gut gewarteter Folterwerkzeuge schnürte mir die Kehle zu, auch die finsteren Verliese waren äußerst beklemmend. Immerhin erklärte die Herzogin, dass Gefangenen noch etwas Stroh für ein Lager und ein Eimer Wasser zur Verfügung gestellt würde, doch Amylie Avedon und Tetsu machten sogleich grausame Scherze über das Los der Eingekerkerten. Besonders die Adelige aus Tancorien tat sich hervor mit mitleidlosen Bestrafungsfantasien, was darin gipfelte, dass sie nach der Erwähnung des Strohs für ein Lager vorschlug, dem Gefangenen dann auch für etwas Licht eine Kerze zu reichen, denn mit etwas "Glück" sei dann das Problem am nächsten Tag erledigt. Als diese grausame Härte das Antlitz der eigentlich anmutigen Frau auf eine unheimliche Weise veränderte, fuhr mir ein kalter Schauer über den Rücken - und ich sah mich veranlasst zu der Anmerkung, dass man aufpassen müsse, beim Strafvollzug nicht grausamer zu handeln als die bestraften Schurken, weil man sonst noch unter deren Niveau sinke.

Die Anwesenden gingen über den Satz recht unbekümmert hinweg. Deshalb ein weiteres Mal meine Warnung: Wer sich einmal genötigt sehen sollte, sich mit dem Adel anzulegen, dem sollten die möglichen Konsequenzen klar sein - und auf keinen Fall ist es dann ratsam, ohne sorgsam geplante Fluchtwege zu Werke zu gehen.

Wir begaben uns wieder nach oben zur Schlosstaverne, und Tetsu setzte sich wieder zu mir an den Tisch. Mir entging jedoch nicht, wie Amylie Avedons Blicke zwischen dem Tanzplatz und Tetsu hin und her wanderten. Diese Gelegenheit, Tetsus Hoffnungen in andere Bahnen zu lenken, packte ich beim Schopf: Ich beugte mich zu ihm mit dem Rat, sich einmal umzusehen, wer da seinen Blick sucht, und ergänzte grinsend, dass er wegen mir nicht die Sitzbank drücken müsse. Sie gaben denn auch für den Rest der Festivität ein stimmigeres Paar ab.

Lana Callis

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